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Teil 2 - Heiliger Boden Das Gefühl war einfach unbeschreiblich, als am späten Nachmittag die Insel so langsam am Horizont auftauchte. Voller Erwartung und Neugierde standen die zwei an der Reeling und konnten es kaum erwarten, endlich von Board zu gehen und den heiligen Boden der Insel zu betreten. Eine Insel, auf der seit über 100 Jahren das bestimmt härteste und gefährlichste Motorradrennen der Welt ausgetragen wird. Auf jedem Fall aber ist es das größte Rennen. Mit ihnen zusammmen fieberten hunderte von Motorradfahreren, die meisten schon im reiferen Alter, dem Landgang entgegen. Langsam und bedächtig schob sich die Fähre Richtung Douglas voran und gab bei strahlendem Sonnenschein immer neue Blicke auf die Insel mit ihrer herrlichen Natur und den Palästen (!) darauf frei. Das Ausschiffen von der Fähre ging recht gut voran. Ohne Hektik und diszipliniert ging es von der Fähre runter sie fuhren in Douglas erst einmal an einen Parkplatz ran, um Geld zu holen. Geschafft, sie hatten es wirklich geschafft!!! Links bitte, immer schön links halten... Schon auf den Fähren wurde ihnen dieses bewusst. Nicht nur auf der Straße, auch im normalen Alltag wird von den Engländern der Linksverkehr praktiziert. Läuft man als "normalsterblicher" Europäer selbstverständlich am rechten Geländer der Treppe hoch oder runter, kommt einen natürlich auf eben dieser Seite ein Engländer entgegen. Nicht mal als Fussgänger ist man sich seines Lebens sicher: Man schaut aus Reflex wie gewohnt nach links, nix kommt und schreckt dann jedesmal zusammen, wenn man nach rechts schaut und dann auf der für uns "linken" Straßenseite ein Motorrad oder Auto angerauscht kommt. "The left side is the right side", also die linke Seite ist die rechte, die "richtige" Seite, so sollte es ein Einheimischer ihnen später erklären. Und er sagte ihnen auch noch, warum das so wäre: Früher, ja ganz früher, wahrscheinlich noch, als die Schlosser auf den Elektrikern zum Frühstück geritten sind, da hatte man mit Pferd und Lanze bewaffnet Duelle ausgetragen. Und da nun mal die meisten Menschen Rechtshänder sind, musste man eben links vorbei reiten, um den anderen vom Pferd zu werfen... Im normalen Straßenverkehr allerdings, das sollte hier einmal erwähnt werden, fahren die Engländer heutzutage wirklich sehr defensiv. Das gilt besonders auch für den Kreisverkehr: Während in Deutschland da noch ordentlich Gas gegeben wird, damit man denjenigen, der auf den Kreisel auffährt ja auch wirklich Lichthupe geben kann, stellt dieses in England gar kein Problem dar. Zur Not wird sogar angehalten! Mit den Widrigkeiten des Verkehrs vertraut gemacht, ging es nun weiter Richtung Zeltplatz. Den hatte Uwe schon über das Internet vorgebucht. Da es ja bereits nach 18:00 Uhr war, waren sie voller Hoffnung, das sie auch einfach so auf ihren Zeltplatz fahren können, welcher direkt neben der Straße an der Rennstrecke lag. Sie schafften es auch, nach einem Ausflug in die Berge und über diverse Schotterpisten, bis etwa 500 Meter vor diesem zu kommen, dort ging es aber definitiv nicht mehr weiter. Die Straße war eine Rennstrecke und die Rennstrecke war eben gerade gesperrt wegen dem Rennen. Somit stellten sie die Motorräder erst einmal ab, sahen ihre erste Manx-Katze ohne Schwanz und konnten dann sinnieren: Sollte das wirklich ein Gen-Defekt sein, oder wurde ihr vielleicht der Schwanz abgefahren? Fragen über Fragen. Somit gingen sie vor an die Straße. Unfassbar! Seif und Uwe standen an einer kleinen Ampelkreuzung inmitten einer Ortschaft. Die Kreuzung war gesperrt und mit diversen Warnschildern und abgepolsterten Pfosten etc versehen. Aus der Ferne hörte man nur ein hochfrequent sägendes Geräusch, welches immer näher kam und dann - für den Bruchteil einer Sekunde nahmen sie die Siluette eines Motorrades wahr, welches mit bestimmt über 200 km/h durch die Ortschaft donnerte... Wahnsinn, so etwas hatten Sie noch nie vorher gesehen. Immer wieder diese sägenden oder (je nach Motorradtyp) auch zutiefst böse brummenden Geräusche und dann schossen die Motorräder in Sekundenbruchteilen vorbei. Man konnte nicht einmal den Auslöser der Kamera schnell genug drücken. Später stellten sie sich auf eine Mauer an der Straße, von wo aus sie mit heruntergeklappter Kinnlade erst einmal den von vorn anstürmenden Motorrädern entgegenschauten, bevor diese mit über 200 Sachen im Ort verschwanden. Und das alles auf einer ganz normalen öffentlichen Straße, gespickt mit Gullideckeln etc... Somit sollte nun auch klar sein, warum die Katzen auf dieser Insel keine Schwänze haben... Gegen 21 Uhr war es dann so weit. Der Street-Marshal baute die Straßensperre ab und die Straße wurde wieder für den öffentlichen Verkehr freigegeben. Innerhalb weniger Sekunden füllte diese sich sofort mit Motorrädern und Autos. Seif und Uwe konnten die letzten 500 Meter bis zum Campingplatz fahren und dort bei der Rezeption von einer überaus freundlichen Dame die schon vorbereiteten Unterlagen in Empfang nehmen. Der Zeltplatz war riesig. Auf der sattgrünen Wiese (übrigens ohne Kuhfladen etc, obwohl der Zeltplatz zu einer Farm gehörte) standen schon reichlich viel Zelte. Aber Platz war immer noch genügend vorhanden. Schnell war das Gelände einmal abgefahren und abgelaufen und ein geeigneter Standort zum Aufbau des Zeltes gefunden. Dann nur noch die Sachen verstauen, Motorräder anschließen und dann... ...Ruhe... Es war eine schon fast unheimliche, gespenstische Ruhe auf dem Zeltplatz. Es wurde langsam dunkel, auf dem Zeltplatz bestimmt schon mehrere hundert Leute, hier und da wurde zusammengesessen, gegrillt, geraucht, erzählt. Auf der Straße wurden es zusehends weniger Motorräder, die da lang fuhren, Einer nach dem Anderen verschwand im Zelt und dann war diese Stille. Seif meinte, bestimmt sind alle noch auf der Partymeile in Douglas. Wenn die dann alle einreiten auf unserem Zeltplatz, dann gänge hier bestimmt die Post ab! Aber die Post sollte nicht abgehen. Hier und da hörte man noch einige Motorräder ankommen, aber es blieb einfach ruhig. So sollte es übrigens die nächsten Tage bleiben. Wenn man bedenkt, was in Deutschland auf den Zeltplätzen los ist, gerade auch bei solchen Rennveranstaltungen... Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück, wurden erst einmal die Prospekte gewälzt und dann nach einem geeigneten Standort für das Rennen Ausschau gehalten. Uwe hatte schon diverse Touren auf der Manx im Navi vorgeplant und so konnte es los gehen. Bei strahlendem Sonnenschein fuhren sie auf herrlichen Sträßchen über die grüne Insel. Vorbei an Palmen, über Berge mit atemberaubenden Ausblicken bis hin durch grüne wuchernde Alleen und Wälder ging es ran an die Rennstrecke, wo sie fasziniert dem Rennen zuschauten. "Das hätten die Erbauer dieses Motorrades nicht gedacht, das dieses hässliche Teil einmal so viel Beifall erntet!" So sagte es jedenfalls Seif. Wenn nach dem Rennen die Straße wieder freigegeben wurde, dann füllte sich diese sofort wieder mit Kraftfahrzeugen aller Art. Allen voran natürlich Motorräder. Auf den Rängen an den Tribünen saßen immer noch reichlich viele Zuschauer, welche dem Treiben auf der Straße interessiert folgten. Und dann kam Uwe an den Kreisel gefahren, der Seitenwagen ging hoch und die Zwei trauten ihren Ohren nicht - die Jubelschreie von der Tribüne galten wirklich dem weißen Gespann!!! Wenn die wüssten, das es einfacher ist, mit dem Seitenwagen in der Luft rumzufahren... Im Übrigen wird ja Engländern ein sehr schlechter Geschmack nachgesagt. Dies kann man so nicht bestätigen - "Uwe, da pinkelt jemand an dein Häßlon!" sagte Seif. Dann aber nachgeschaut, standen zwei Engländer da: "Look here, nice german sidecar!" (Für Seif: "Schau her, ein schönes deutsches Seitenwagen-Motorrad!"). So hörte Uwe es dann aus den deren Mund. Somit ist bewiesen, dass Engländer doch Geschmack haben. Aber nicht, was Fish&Chips anbetrifft, das schmeckt wirklich noch scheußlicher als beschrieben! Der Wettergott sollte es übrigens gut mit den Beiden meinen. Sonnenschein und 25 Grad Celsius, Herz, was will man mehr. Nur am "Mad Sunday" und am Tag der Abreise sollte der Himmel sich zu Tränen rühren... So konnten die Beiden ausgiebig die Sehenswürdigkeiten der Insel erkunden, die Rennen verfolgen und Abends wurde dann ein ordentliches Stück vom Rindvieh (so ab 400 Gramm) für jeden auf den Grill geworfen. Dazu ein dunkles Kilkenny und so konnten sie, nachdem die Sonne dann untergegangen war, mit einem Lächeln auf den Lippen einschlafen. Am nächsten Morgen, so ab 06:00 Uhr, wurden sie vom Pöttern, Grollen, Heulen und Brummen der ersten Motorräder wach, die auf dem Weg zu den schönsten Aussichtsplätzen an der Rennstrecke waren. Ja, so muss es wohl sein, im sagenumwobenen Garten Eden, im Paradies... Nun fehlten den Seif und Uwe nur noch die 72 Jungfrauen... Naja, "nothing is perfect", nichts ist perfekt, wie der Engländer so schön sagt... Kein Morgen ohne morgendliches Leid! Sanitäre Anlagen waren auf dem Zeltplatz ja eigentlich viele vorhanden. Diese waren auch (ausnahmslos!) immer sauber vorzufinden... Aber was sind schon 15 Toiletten bei mehreren Hundert Besuchern! So ging Uwe immer früh morgens frohen Mutes in Richtung Klo, um dann 10 Minuten später missmutig wieder am Zelt zu erscheinen. Die Schlange vor dem Klo und die Gewissheit, dass nach bestimmt halbstündigem Anstehen wieder über 20 Leute hinter ihm warten, vergällten es Uwe ordentlich. Somit wurde erst einmal gefrühstückt. Nach dem Frühsück lief Uwe, schon etwas mehr gebückt, wieder Richtung sanitäre Einrichtung, um dann abermals mit einem schon gequältem Gesichtsausdruck am Zelt zu erscheinen. Es half alles nichts, nach dem Frühstück setzte Uwe sich mit schmerzverzerrtem Gesicht, sofern er überhaupt noch sitzen konnte, auf das "nice german sidecar" und suchte sich dann ein "WC Public", also eine öffentliche Toilette, aus welcher er dann wieder sichtbar erleichtert wieder erschien... Im Übrigen waren alle öffentlichen sanitären Einrichtungen auch immer kostenfrei und sauber! Leider vergingen die Tage auf der Insel wie im Fluge. Dienstag Morgen wurde missmutig das Zelt abgebaut. Auf der Fahrt zur Fähre hielten sie noch einmal bei McDoof an und dort wurde erst einmal ordentlich gefrühstückt. Dann mit der Fähre wieder rüber nach England. Da sie diesmal etwas mehr Zeit bis zum Ablegen der Fähre in Hull hatten und der Linksverkehr endlich kein Problem mehr darstellte, fuhren sie überwiegend über beschauliche, Verkehrsarme Landstraßen rüber. Leider sollte anhaltender, immer stärker werdender Regen die Rückreise vermießen... So ging es dann auch am nächsten Tag weiter. In Rotterdam ging das Wetter ja noch, aber spätestens auf Höhe Dortmund kam ein wahrer Wolkenbruch runter. Zum Glück wurde es dann ab Kassel wieder besser, so dass Seif und Uwe schließlich wohlbehalten wieder zu Hause ankamen. Immer dann, wenn Seif und Uwe wieder mal andächtig bei einem Bierchen zusammen sitzen und sich, wie sollte es anders sein, über Motorräder unterhalten, wenn dann auch noch die Sonne so langsam untergeht, den Abend dann erst in ein zartes Rot taucht, die Bieruhr unaufhörlich weiter tickt und letzendlich die Sonne glutrot am Himmel steht, immer dann sagt Uwe zu Seif (oder Seif zu Uwe): "Weißt du noch, wie geil es auf der Isle of Man war?!" "Ja, das war absolut der Hammer!!!" - So lautet dann die Antwort... "Aber jedes Jahr können wir das nicht machen! Aller zwei oder drei Jahre aber bestimmt..." Und dann geht es wieder auf die heilige Manx, wo das härteste Motorradrennend der Welt stattfindet, die Rindersteaks 10 Zoll Durchmesser haben, Katzen keine Schwänze mehr haben und über hässliche Motorräder gejubelt wird... |
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